Insektensterben

Rückgang um bis zu 80% innerhalb der letzten drei Jahrzehnte

In zahlreichen Artikeln namhafter deutscher Medien bekam man unlängst wieder einmal serviert, wie schlecht es um die Lebensraumqualität unserer Landschaften bestellt ist, so z.B. →hier, →hier oder auch →hier beim NABU.
Von einem Insektensterben ist da die Rede. Betrachtet man die Zahlen, die angeführt werden, so erscheint dieser zuerst einmal drastisch anmutende Ausdruck durchaus nachvollziehbar:
denn auch nach Zahlen des Bundesumweltministeriums vom Juli diesen Jahres ist die „Insektenbiomasse“ (entsprechend also die Gesamtzahl der Insekten) im Zeitraum von 1982 bis 2017 um ca. 80 Prozent zurückgegangen (nachzulesen als Drucksache des Deutschen Bundestages unter folgendem Link: http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/131/1813142.pdf ).

Die Schlussfolgerung drängt sich auf: der Zustand ist alarmierend. Allein über die Ursachen gibt es nur Vermutungen. Ein komplexes Zusammenwirken von flächendeckendem Pestizideinsatz, Überdüngung und Monokulturisierung der Landschaft wird diskutiert.

Die augenfälligen Ursachen

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Agrarwüsten: Teil des Problems  

Dem aufmerksamen Wanderer in Feld und Flur dämmert sicher schon lange, was da vor sich geht, wenn er denn mit offenen Augen unterwegs ist: über weite Strecken „glänzt“ die Landschaft mit Einheitsgrün, seien es Getreidefelder, Maisfelder, sogenannte „Wiesen“, die diesen Namen eigentlich gar nicht mehr verdienen, weil sie – aufgepumpt mit Kunstdünger und Gülle – nur mehr wenige Pflanzenarten beherbergen und selbst diese wenigen Arten oftmals nicht mal mehr die Gelegenheit erhalten, aufzublühen und so Nektar und Pollen zu produzieren, denn es wird gemäht, was das Zeug hält.

Zwischen all dem fehlen die Strukturen: wo früher zahlreiche kleine landwirtschaftliche Parzellen von ebenso zahlreichen Hecken mit ihren blühenden Säumen umgeben waren, finden sich heute riesige Ackerparzellen ohne diese wichtigen Zwischenstrukturen.

Auf den Feldern blühen aufgrund des Herbizideinsatzes kaum mehr Ackerunkräuter, die einst selbst dort ein reichhaltiges Futterangebot für Insekten und damit weitere Tiere bereitgestellt haben. Wer im Sommer schon einmal einen genaueren Blick auf eine Herde Kornblumen geworfen hat, wie sie am Rande eines Ackers manchmal noch „aus Versehen“ angetroffen werden können, weiß, für was so ein „Unkraut“ gut sein kann: es summt und schwirrt den ganzen Tag, über mehrere Wochen. Demgegenüber bietet ein „gut gepflegter“ Getreideacker: …..so gut wie Nichts.

Zu all dem Übel gehen viele Flächen auch noch komplett abgeräumt und im Falle der Äcker frisch umgedreht in die Winterruhe.

Sicher gibt es hie und da noch den einzelnen Lichtblick; aber auf die gesamte Fläche betrachtet, handelt es sich dabei nur um den sprichwörtlichen Tropfen auf den heißen Stein. 

Was hilft aus dieser trostlosen Situation?

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Blühflächen: eine Möglichkeit...

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...Insekten zu fördern

Großflächige Extensivierung von Wiesen wäre ein – wenn auch derzeit unrealistisch erscheinender - Beitrag, wie z.B. der Verzicht auf Kunstdüngung bzw. Gülleeinsatz in Verbindung mit weniger Mähterminen pro Jahr. Zumindest in Teilbereichen sollte dies aber möglich sein. Dummerweise sind viele solcher Intensivwiesen schon so heruntergewirtschaftet, dass eine Extensivierung erst einmal wenig Potential zu mehr Artenreichtum mit sich bringt. Da lohnt sich manchmal das Anlegen einer neuen, artenreichen Wiese auf ertragsarmen Böden mehr. In jedem Fall sollten noch halbwegs artenreiche Wiesen wieder den Weg in Richtung einer extensiven Bewirtschaftung finden und Fördermöglichkeiten aus den Naturschutzprogrammen als Ausgleich in Anspruch genommen werden.

Eine weitere Möglichkeit:  die Wiederanreicherung der Landschaft mit Strukturen wie Hecken, artenreichen Säumen oder mehrjährigen Blühflächen auf eigens dafür ausgewählten Flächen.

Ebenso würde sich der Verzicht von intensiver Bewirtschaftung in Randstreifen von Äckern positiv auf die Artenvielfalt auswirken, sofern noch das Samenpotential der ursprünglich ansässigen bunten Ackerunkrautflora im Boden schlummert. Alternativ kann man dort mit mehrjährigen Blühmischungen nachhelfen.

Wer macht’s?

Zu erwarten, dass alle Landwirte mir nichts dir nichts ihre Flächen extensivieren oder Ackerland großzügig mit Blühmischungen aufwerten, wäre naiv. Schließlich herrscht auch bei der Landwirtschaft der allgegenwärtige Wettbewerb und den niedrigen Preisvorstellungen, die der Markt und damit letztlich die Gesamtheit der Verbraucher für die Waren diktiert, müssen mit dementsprechend intensiven landwirtschaftlichen Methoden erzielt werden. Ob dabei aber wirklich alle Register aus dem Gruselkabinett der Intensivlandwirtschaft gezogen werden müssen, ist freilich eine andere Frage.

Liegt also der Ball bei den Verbrauchern? Zum Teil sicher. Aber auf der anderen Seite ist es ebenso unrealistisch, dass alle Verbraucher nur Bioprodukte kaufen oder auf ihr tägliches Stück Billigfleisch öfter einmal zugunsten einer weniger ressourcen-fordernden Alternative verzichten, auch wenn Letzteres für die meisten Menschen sicherlich im Bereich des Machbaren läge.

Trotzdem ist eine Portion Idealismus jedes Einzelnen – ob Landwirt oder Verbraucher  - Teil der Lösung. Wer kann und will trägt eben etwas bei. Kleinvieh macht auch Mist.

Die nachteiligen Veränderungen der Lebensräume haben mittlerweile aber eine solche Dimension angenommen, dass ein Zurück zu mehr Vielfalt und mehr Lebensraum für Tiere und Pflanzen eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Finanzielle Förderungen wollen klug und großzügig eingesetzt werden. Wegbereitend dafür muss Aufklärung erfolgen: über die fein eingestellten und komplex ineinander greifenden Kreisläufe im Ökosystem, warum diese dabei sind, außer Takt zu geraten und was man Menschenmögliches tun kann, um diese Entwicklung aufzuhalten und möglichst wieder umzukehren.
Nur wenn die Fakten und die Handlungsalternativen auf dem Tisch liegen, lassen sich kluge Entscheidungen treffen.

 

Zurück zu den Insekten: vielleicht sollten wir uns das Einfache und gleichfalls Naheliegende vor Augen halten: wo es Nektar und Pollen gibt, sind Insekten nicht weit. Wo sie fehlen, wird es schwierig. Gleiches gilt im Gefolge natürlich für die Vögel.